Trilok Gurtu
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 Discographie

 

 

 
     



Trilok Gurtu ist ein Wanderer zwischen den Welten. Doch seine Odyssee verlief niemals nur von Punk A nach Punkt B. Er kam nicht einfach so aus Indien und blieb in Europa. Sein Richtungssinn ist viel komplexer. Er drehte Kreise, spannte Netze, schuf ein dichtes Gewebe von Einflüssen aus verschiedensten Regionen und musikalischen Epochen. Zeitgenössische Begriffe wie Allrounder oder Multitasker erfassen nur höchst unbefriedigend Trilok Gurtus tiefe Spiritualität, sein vorurteilsfreies Einfühlungsvermögen in verschiedene Kulturen, seine fortwährende Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten auf der soliden Basis eines ganzen Bündels von Traditionen. Trilok Gurtu wurde 1951 in eine äußerst musikalische Familie im Bombay geboren. Sein Großvater war ein angesehener Sitar-Spieler, seine 2004 verstorbene Mutter Shoba Gurtu gehörte zu den bekanntesten indischen Sängerinnen. Dass auch Trilok eine musikalische Laufbahn einging, war nahezu unvermeidlich. Doch sein Weg zu den Percussions war eigentlich nicht vorgesehen. „Meine gesamte Familie hat harmonische Instrumente gespielt, gesungen oder getanzt“, erinnert sich Gurtu heute. „Mein Bruder Ravi und ich sind die einzigen Perkussionisten. Wie es dazu kam, ist nicht ganz klar. Meine Mutter erzählte mir, als ich drei oder vier Jahre alt war, hatte sie einen Perkussionisten, der immer zu spät oder gar nicht kam. Irgendwann sagte mein Vater: Trilok trommelt doch immer auf den Tisch, hol ihn runter. Da musste ich meine Mutter begleiten. So habe ich mein Instrument gewählt. Oder das Instrument mich. Als Begleiter meiner Mutter lernte ich aber ebenso viel Gesang wie Percussion.“ Eine Fähigkeit, die ihm später noch sehr nützlich sein sollte. Er erweiterte sein Arsenal von Tablas auf Congas, Bongos und Schlagzeug, gründete mit seinem Bruder eine Percussion Band und geriet unter den Einfluss von John Coltrane und Jimi Hendrix. In den siebziger Jahren zog er zunächst mit der indischen Sängerin Asha Bhosle durch Europa und später durch Amerika, trat mit Charlie Mariano und Embryo auf und schloss sich in Schweden Don Cherry an, dessen musikalischer Universalgeist ihn für die Zukunft prägte. Ab 1977 gehörte er der Family Of Percussion an, die mit unzähligen Jazzmusikern kooperierte. Mitte der achtziger Jahre stieß er als Nachfolger des tödlich verunglückten Collin Walcott zu den Ethno-Jazz-Pionieren von Oregon, denen er mit seiner kraftvollen Spiritualität völlig neue Impulse verlieh. 1988 ging er eine geradezu historische Zusammenarbeit mit John McLaughlin ein, die vier Jahre währen sollte. Daneben spielte er mit Musikern wie Joe Zawinul, Jan Garbarek, Pharoah Sanders, Bill Laswell und Pat Metheny. 1988 veröffentlichte Gurtu sein erstes Soloalbum „Usfreth“, dessen visionärer Geist seiner Zeit viel zu weit voraus war, um von Kritik und Käufern angemessen gewürdigt zu werden. Im Team mit Ralph Towner, Don Cherry, Shankar und seiner Mutter Shoba riss er die Bastionen von Jazz und Weltmusik ein. Das rhythmisch-harmonsiche Geflecht enthielt bereits alle Ingredienzen, die ein Jahrzehnt später im Drum’n’Bass die Welt der Musik verändern sollten. Seither reicherte er seinen musikalischen Fundus beharrlich um Elemente unterschiedlichster Provenienz zu einer Musik an, die völlig ohne Hierarchien auskommt und auf seiner neuen CD „Massical“ einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. „Für meine erste Platte war ich in die Kritik geraten“, schlägt Gurtu den Bogen zurück, „weil ich etwas Neues ausprobierte. Wer einfach nur nachmacht, hat es ungleich leichter. Ich habe versucht, meine Liebe zu Afrika und Indien zu verbinden. Irgendwann hatte ich aber das Gefühl, der Musik selbst zu viel Respekt zu zollen. Ich muss auch die Achtung vor mir selbst bewahren. Ohne mich gibt es meine Musik ja gar nicht. Ich nahm die Musik also etwas entspannter und konzentrierte mich auf das, was ich selbst hörte. Auf ‚Massical‘ dachte ich ganz wenig über die Musik nach, sondern spielte einfach.“ So wirken die Songs auf „Massical“ wie ein akustisches Balsam. Als Hörer vergisst man alles, was man je über Musik gelernt hat, befreit sich unweigerlich von allen Vorurteilen und gibt sich gelöst einem Fluß hin, der das Gold der Jahrtausende durch die Gegenwart in die Zukunft hinauszutreiben scheint. Um dieses Gefühl glaubhaft zu transportieren, musste Gurtu selbst viel Ballast abwerfen. Er ist ein unglaublicher Virtuose, der früher zuweilen auch mal dazu neigte, zu viel zu spielen. Auf „Massical“ ist Virtuosität jedoch nur noch zweitrangig und ordnet sich funktional in den musikalischen Prozess ein. „Es geht ja nicht um einen Showcase für mich selbst“, bestätigt Gurtu. „Wenn die Musik keine Virtuosität braucht, setze ich sie auch nicht ein. Aber es gibt natürlich Stücke, die unheimlich schwer zu spielen sind. Die meisten Musiker könnten das gar nicht spielen. Die Musik ist virtuos, klingt aber simpel. Wenn Musiker ihre erste oder zweite Platte machen, featuren sie vor allem ihr Instrument. Ich will aber meine Musik featuren. Das ist ein Unterschied. Viel wichtiger als Virtuosität ist der Groove.“ Gurtus Musik ist universal. Zwar steht der Perkussionist immer noch im Ruf eines Botschafters der indischen Musik in Europa, aber für ihn selbst spielen derartige Zuordnungen überhaupt keine Rolle mehr. „Ich wurde in Indien geboren. Meine Wurzeln liegen dort. Weil ich immer virtuos gespielt habe rutschte ich in die Schublade Jazz. Die Kategorie Weltmusik gab es noch nicht, als ich anfing. Ich komme aus keiner amerikanischen Schule und habe das auch nie vorgegeben. Aber indische Musik beruht ja auch auf Improvisation. Und die Musik aus Bollywood ist sehr groovy. Fast wie die afrobrasilianische Musik. Dieses Repertoire benutze ich, um meine Gedanken und Gefühle zu übersetzen. Aber ich könnte auch ebensogut ein Chinese sein. Meine Musik ist überall meine Musik, und ich bin, wie meine Musik klingt.“ Übersetzungsprobleme zwischen den Prinzipien und Haltungen indischer, amerikanischer und europäischer Improvisation ergeben sich für Trilok Gurtu nicht. Im Gegenteil, er setzt auf die spirituellen Gemeinsamkeiten zwischen all diesen musikalischen Idiomen. „Anfangs denkt man, alles wäre in Klassik, Jazz und die anderen Genres segmentiert. Wenn man sich der Musik jedoch etwas spiritueller annähert, erkennt man, dass der Spirit, der der Musik zugrunde liegt, ist überall gleich ist. Er wird nur unterschiedlich wahrgenommen, weil wir uns in verschiedenen Traditionen wähnen. Mozart und Bach haben auch improvisiert. Das erste Stück meines Albums heißt ‚Seven Notes To Heaven‘. Wir haben nur diese sieben und mit den Halbtonschritten zwölf Noten. Sie gelten in Afrika, Europa, Indien, Amerika, überall. Wenn man sie richtig trifft, nähert man sich Gott. In der Musik aus Bollywood steckt zum Beispiel unheimlich viel Mozart. Die Inder wissen das nicht und glauben, das wäre von indischen Musikern geschrieben. Auch Strawinski und die anderen russischen Komponisten sind in Bollywood aufgegangen, weil es so gut passt. Wenn es gut ist, spielt es überhaupt keine Rolle, woher es kommt.“ Der Songtitel „Seven Notes To Heaven“ erinnert natürlich an Miles Davis, doch wer hinter diesem Stück einen Tribut an den Man with the Horn vermutet, schlussfolgert voreilig. Trilok Gurtu gehört zu den wenigen Musikern im Umfeld des Jazz, die sich nicht auf Miles Davis berufen. Das Prinzip „weniger ist mehr“ entdeckte er auch schon in Kulturen vor dem Jazz. „Meine Mutter sagte mir immer, ein Konzert dauert drei Stunden, spiel langsam. Miles Davis hat dieses allgemeine Prinzip nur in den Jazz eingeführt. Der Jazz ist ja die jüngste Form der improvisierten Musik. Ich habe hohe Achtung vor Miles. Vor seinem Mut, die Musik zu verändern. Für mich selbst war Don Cherry aber viel wichtiger. Seine Musik veränderte die Welt. Er hatte ein Feeling für afroindische Musik und würde sicher sehr gern diese Sachen spielen, die auf dem Album sind.“ Don Cherry war auch ein Musiker, der die musikalischen Grundbegriffe aus der Vitrine schubste und Musik höchsten Niveaus mit ganz einfachen Mitteln allgemein zugänglich machte. Genau in diesem Sinn ist auch Gurtus Albumtitel „Massical“ zu verstehen. „Musik muss für alle da sein“, lautet sein Postulat. „Die Masse muss über die Musik entscheiden, nicht die Klasse. Die Klasse hat immer das Geld. Aber die Masse muss erreicht werden. Deshalb sage ich, Musik ist massical, nicht classical.“ Ein zutiefst menschliches Statement, das sich als feste Überzeugung unaufdringlich durch das ganze Album zieht. „Massical“ ist viel mehr als ein Stück wunderschöner Musik. Es ist ein nachhaltiger Beitrag zur Demokratisierung unserer Hörgewohnheiten und zur lange überfälligen Überwindung ethnischer und sozialer Schranken in der Kunst.
     
08.Mai.2009
Trilok Gurtu
MASSICAL
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